Was ich als Dom während der Sitzung mit dir denke
in Gedanken-eines-Doms
Der Titel dieses Beitrags mag seltsam klingen. Was tue ich, ohne daß du es bemerkst? Ich nehme es gleich vorweg: Ich klaue dir nicht dein Portemonnaie und ich studiere auch nicht den Sicherheitscode deiner Kreditkarte. Dafür habe ich nämlich gar keine Zeit.
Ich möchte dich in diesem Beitrag in meine Gedanken entführen. In meine Welt als Dom. Was geht in mir vor, wenn du bei mir eine Schnuppersitzung hast, einen Trainingstag, mehrere Trainingstage oder sogar einen BDSM-Urlaub? Ich richte mich hier vor allem an masochistische Frauen – Frauen, die durch Lustschmerz ihre sexuelle Lust steigern und dadurch vielleicht sogar den Subspace erleben und etwas entdecken können, das mir sehr wichtig ist: ihren Stolz als Frau.
Während einer Sitzung gibt es viele technische Dinge, die du gar nicht bemerkst. Nehmen wir an, deine Arme sind an Seilen nach oben gebunden. Dann werde ich dich etwa alle fünf Minuten streicheln. Du glaubst vielleicht, ich tue das einfach, weil ich dich berühren möchte. Das stimmt auch. Ich streichle dich sehr gerne.
Aber während ich dich streichle, prüfe ich gleichzeitig etwas anderes.
Ich drücke ganz leicht mit meinem Daumen auf deine Hand und beobachte, wie schnell die Haut ihre Farbe wieder annimmt. Bleibt sie zu lange weiß, weiß ich, daß die Durchblutung nachläßt und ich deine Arme bald lösen muß.
Du bemerkst das gar nicht.
Für dich ist es eine liebevolle Berührung. Für mich ist es gleichzeitig eine Kontrolle deiner Sicherheit.
Es gibt viele solche kleinen Dinge, die während einer Sitzung ständig ablaufen, ohne daß du sie bemerkst.
Bist du jetzt schockiert? Sollte ein Dom nicht einfach tun, was ihm gefällt? Ich sehe das anders.
Natürlich empfinde auch ich Lust. Die entsteht ganz automatisch. Ich habe einen wunderbaren Beruf und ich genieße ihn sehr. Aber während einer Sitzung tritt meine eigene Sexualität manchmal in den Hintergrund.
Ich bin für dich da. Ich möchte dir ermöglichen, Erfahrungen zu machen, die du vielleicht noch nie erlebt hast. Daß du zum ersten Mal squirtest, daß du den Subspace erreichst, daß du Ekstase erfährst, wie du sie vielleicht bisher nur aus deinen Fantasien kennst. Dich dorthin zu begleiten, dich in meinen Händen zu halten und mitzuerleben, was in dir geschieht – genau das macht mich glücklich.
Ein ganz großes Ziel meiner Arbeit mit dir als Mensch, mit dir als Frau und mit dir als Körper ist dein Stolz als Frau. Den möchte ich hervorholen. Den möchte ich dich spüren lassen. Ich glaube, daß dieser Stolz bei vielen Frauen über Jahre verborgen bleibt. Manchmal spürt ihr ihn unter Freundinnen, manchmal in kleinen Momenten. Aber im Alltag und oft auch in der Sexualität verschwindet dieses Gefühl. Ich möchte, daß du ihn wiederfindest.
Es gibt zwei Dinge, die ich tue. Über das erste musste ich selbst viele Jahre lernen. Frauen schämen sich oft für ihre Sexualität. Wir Männer übrigens auch. Bei uns kommt nur noch etwas hinzu: Unsere Erregung ist sichtbar. Es hat mich viele Jahre gekostet, meine eigene Erektion nicht mehr als etwas zu empfinden, das ich verstecken müßte. Erst durch viele Gespräche mit submissiven Frauen habe ich verstanden, daß die Erektion eines Mannes für viele Frauen kein peinlicher Moment ist, sondern sogar als Kompliment empfunden werden kann.
Das mußte ich selbst erst lernen. Heute schäme ich mich nicht mehr dafür. Wenn mein Körper auf dich reagiert, dann deshalb, weil mich das berührt, was zwischen uns geschieht. Wie du dich bewegst. Wie du losläßt. Wie du dich mir anvertraust. Natürlich bist du eine Frau und selbstverständlich spielt Sexualität dabei eine Rolle. Aber meine Erregung entsteht nicht zuerst durch deinen Körper. Sie entsteht dadurch, daß du bereit bist, dich in meine Hände zu geben, daß du mir vertraust, daß du dich fallen läßt.
Das ist für mich unglaublich erregend.
Ich habe gesagt, es gibt zwei Dinge.
Das zweite ist dein Stolz. Es ist für mich jedes Mal ein kleines Mysterium. Irgendwann während einer Sitzung merke ich, daß sich etwas verändert. Ich sehe es an deiner Atmung. Ich höre es an deinem Stöhnen. Ich spüre es daran, wie dein Körper losläßt. Dann halte ich mich manchmal bewußt zurück. Obwohl ich weitermachen möchte. Ich gebe dir Raum. Raum für deinen eigenen Weg. Für deinen Weg zu dir selbst. Vielleicht glaubst du vorher noch, du hättest dich blamiert, weil du gesquirtet hast. Vielleicht schämst du dich. Und plötzlich verwandelt sich diese Scham in Hingabe. Du gibst dich in die Seile. Du läßt dich tragen. Du hörst nur noch die Peitsche. Du spürst nur noch deinen Körper.
Und irgendwann geschieht etwas. Du ziehst dich tief in dich selbst zurück. Als würde sich durch jeden Peitschenhieb ein kleiner Weg zu deinem eigenen Mittelpunkt öffnen. Für mich gehören diese Momente zu den größten spirituellen Erfahrungen überhaupt, nicht für mich, für dich. Und wenn du dort ankommst, dann sehe ich etwas, das ich kaum beschreiben kann: Stolz. Nicht Arroganz. Nicht Überheblichkeit. Sondern den tiefen Stolz einer Frau, die plötzlich ganz bei sich angekommen ist.
Ich habe nur sehr selten erlebt, daß eine Frau meine Räume nicht mit erhobenem Kopf, voller Glück und voller sexueller Erfüllung verlassen hat. Zu sehen, wie du dort ankommst, macht mich glücklich.
Zu den schönsten Momenten gehört für mich die Zeit danach. Du bist gekommen. Vielleicht mehrmals. Vielleicht hast du gesquirtet. Vielleicht bist du vollkommen erschöpft. Jetzt müssen die Fesseln gelöst werden. Aber ich löse sie nicht einfach.
Ich halte deinen Arm, bevor das Seil verschwindet. Ganz langsam lasse ich ihn an deinem Körper hinuntergleiten. Dann den anderen. Dann deine Beine. Die jahrelang eingeübten Techniken erlauben mir das ganz sanft zu begleiten. Der Körperkontakt bleibt. Die Wärme meines Körpers bleibt. Du darfst dich an mich lehnen. Du darfst einfach in mich hinein sinken. Ich halte dich.
So begleite ich dich zum Sofa. Ich decke dich zu. Ich streichle dich. Vielleicht kuschelst du dich in deine Decke. Vielleicht ziehst du die Beine an. Vielleicht schließt du einfach die Augen. Ich bleibe. Ich streiche über dein Gesicht. Über deine Haare. Über deine Schultern. Du mußt nichts mehr leisten. Du darfst einfach sein. Und irgendwann flüstere ich dir vielleicht ins Ohr:
"Bleib einfach liegen. Ich mache uns etwas Schönes zu essen."
Das ist nur ein kleiner Einblick in das, was während einer Sitzung in mir vorgeht. Ich empfinde diese Arbeit nicht als Arbeit. Sie erfüllt mich. Für mich liegt das Mannsein nicht darin, möglichst hart zu sein oder möglichst hart zu ficken.
Für mich liegt das Mannsein darin, für jemanden da zu sein. Einen sicheren Rahmen zu schaffen. Jemandem zu ermöglichen, Erfahrungen zu machen, die das Leben verändern können. Dafür setze ich meine ganze Kraft ein. Und genau deshalb liebe ich das, was ich tue.